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"Entartete Kunst" im Bombenschutt

28. September 2013 bis 19. Januar 2014 Galerie des 19. Jahrhunderts

Der Fund war eine Sensation: Im Sommer 2010 wurden bei archäologischen Grabungen unmittelbar vor dem Berliner Roten Rathaus im Brandschutt des kriegszerstörten Hauses in der Königstraße 50 zahlreiche Skulpturen aus Keramik, Bronze, Messing, Marmor und Steinguss entdeckt – Meisterwerke der Klassischen Moderne, die für 75 Jahre als verschollen galten. In der Folge haben Wissenschaftler des Museums für Vor- und Frühgeschichte und der Neuen Nationalgalerie von den Staatlichen Museen zu Berlin mit Hilfe der Forschungsstelle »Entartete Kunst« der Freien Universität Berlin und Unterstützung des Landesdenkmalamtes Berlin intensiv die Fundumstände und das Schicksal der 16 Skulpturen erforscht.

Ihre Untersuchungen ergaben, dass diese Kunstwerke 1937 von den National­sozialisten als „entartet“ beschlagnahmt und aus deutschen Museen entfernt worden waren. Seitdem wurden sie vermisst. In der beispiellosen Aktion „Entartete Kunst“ hatten nationalsozialistische Abordnungen mehr als 21.000 Kunstwerke in deutschen Museen beschlagnahmt. Viele von ihnen sind seitdem verloren – umso bedeutender ist die Entdeckung der 16 Skulpturen. Mithilfe der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ in Berlin konnten sie identifiziert, vor allem aber ihre Geschichte erhellt und rekonstruiert werden: Wie sie in den Bombenschutt des Hauses der damaligen Königstraße 50 gelangt waren und welches Schicksal sich hinter jedem einzelnen Werk verbarg.

Neben Skulpturen bedeutender Bildhauer der Klassischen Moderne, u. a. von Otto Baum, Otto Freundlich, Richard Haizmann, Karl Knappe, Marg Moll, Emy Roeder, Edwin Scharff, Naum Slutzky und Gustav Heinrich Wolff, werden auch diese Aspekte in der Ausstellung behandelt. Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte auf Schloss Gottorf präsentiert 15 der 16 gefundenen Skulpturen in der Galerie des 19. Jahrhunderts, ergänzt um Werke der ehemals verfemten Künstler aus dem eigenen Bestand.

Die Berliner Skulpturen haben ihre wechselvolle Geschichte nicht unbeschadet überstanden, sondern zeigen deutliche Spuren des Brandes und der Jahrzehnte langen Verschüttung. Der „Reiter“ von Fritz Wrampe kann deshalb aus konservatorischen Gründen nicht mehr gezeigt werden. Dennoch lässt gerade ihr Zustand sie zu umso eindringlicheren Zeugen der Vergan­gen­heit werden, deren Dimension ihre kunsthistorische Bedeutung übersteigt. Im März 2012 war der Skulpturenfund Thema eines Symposiums in Berlin, dessen Ergebnisse in dem Begleitband zur Ausstellung vorgestellt werden. 75 Jahre nach der nationalsozialistischen Propagandaausstellung »Entartete Kunst« erfahren die verloren geglaubten Werke und ihre Künstler die verdiente Würdigung.

Die Künstler, deren Werke im Bombenschutt gefunden wurden, zählen zu den bedeutenden Bildhauern der Avantgarde in Deutschland. Von einigen der damals als „entartet“ verfemten Künstler –   Richard Haizmann, Edwin Scharff, Gustav Heinrich Wolff u. a. – befinden sich auch Werke in der Sammlung des Landesmuseums für Kunst und Kulturgeschichte, darunter freilich etliche Arbeiten aus späteren Jahren. Um die glücklich wieder entdeckten Werke des „Berliner Skulpturenfunds“ in einen größeren Kontext zu stellen, werden aus dem eigenen Bestand weitere Arbeiten der genannten Künstler präsentiert, Skulpturen wie auch graphische Blätter. Ausgewählt wurden allerdings nur Werke, die bis zum Jahr 1937, dem Jahr der Feme­ausstellung „Entartete Kunst“ entstanden sind. Spätere Werke der genannten Künstler wie auch der Bildhauerinnen Emy Roeder und Milly Steger werden deshalb hier nicht gezeigt.

Die in der Galerie 19. Jahrhundert auf Schloss Gottorf präsentierte Ausstellung ist ein Projekt der Staatlichen Museen zu Berlin, Museum für Vor- und Frühgeschichte, im Rahmen des Föderalen Programms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Kuratoren sind: Prof. Dr. Matthias Wemhoff und Dr. Marion Bertram, Museum für Vor- und Frühgeschichte, Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz.
Die Ausstellung in Schleswig wurde kuratiert von Dr. Uta Kuhl, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf.

Katalog:

Matthias Wemhoff

Der Berliner Skulpturenfund

„Entartete Kunst“ im Bombenschutt

Entdeckung | Deutung | Perspektive – Verlag Schnell + Steiner

261 Seiten, zahlreiche Abbildungen – 24,95 €

Öffnungszeiten:
Di.-Fr- 10-16 Uhr, Sa.+So. 10-17 Uhr

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