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Bauboom im ausgehenden 11. Jahrhundert – das Schleswiger Hafenviertel in neuem Licht

Ab dem späten 11. Jahrhundert befindet sich mit der Stadt Schleswig im Südteil der jütischen Halbinsel für etwa 150 Jahre einer der bedeutendsten Handelsplätze Nordeuropas. Die Stadt erstreckte sich damals über eine Halbinsel, die heutige Altstadt, sowie den westlichen Teil des Holms, der ehemals komplett von Wasser umgeben war.

von Felix Rösch

In dieser Zeit stellten befestigte Wege und Straßen eine Seltenheit dar, sodass größere Warentransporte hauptsächlich per Wasserfahrzeug getätigt wurden. Eine günstige Anbindung an befahrbare Gewässer war und ist bis heute ein unerlässliches Kriterium für einen erfolgreichen Umschlagplatz. Durch die Lokalisation am Ende der inneren Schlei waren sowohl für Schleswig, als auch für den etwa 2 km südlichen gelegenen Vorgänger Haithabu dieser Aspekt gegeben. So bestand mit der Schlei eine direkte Verbindung zur Ostsee und, via kurzem Landweg sowie den Flussläufen Treene und Eider, zur Nordsee. Neben den verkehrstechnischen Gesichtspunkten bot die Lage auch verteidigungstechnische Vorteile und Schutz vor den Witterungsverhältnissen einer direkten Küstenlage. Vor diesem Hintergrund wird der Stellenwert eines Hafens mit seinen wasseraffinen Einrichtungen in einem Handelsplatz wie Schleswig erst deutlich.

Die Lage der Grabungsareale in Schleswig

Die Schleswiger Altstadthalbinsel mit dem westlichen Teil des Holm im rechten Bildrand sowie den drei mit dem Hafenviertel in Verbindung gebrachten Grabungsflächen (Karte: OpenStreetMap).

 

Die umfangreiche archäologische Erforschung des mittelalterlichen Schleswig begann Ende der 1960er Jahre durch Volker Vogel. Unter seiner Leitung wurden bei zahlreichen, oft mehrjährigen Grabungen in der Schleswiger Altstadt die bis heute frühesten Phasen der Schleswiger Stadtentwicklung erfasst. Das älteste bisher bekannte absolute Datum für Schleswig, der dendrodatierte Baubefund eines Hauses von 1071, stammt aus der Grabung „Schild“ nördlich des heutigen Rathausmarktes. Allerdings geben Schichtpakete unter dem Laufhorizont des Hauses Anlass zur Vermutung, dass die flächige Besiedlung der Altstadthalbinsel noch weiter zurückreicht. Die großflächigsten Untersuchungen fanden damals im südlichen Teil Schleswigs, in der Nähe des heutigen Yachthafens statt. Bei der in den 1970er Jahren durchgeführten Grabung „Plessenstraße 83/3“ sowie der ihr Anfang der 1980er Jahre folgenden „Hafenstraße 13“ traten zahlreiche Holzkonstruktionen und Siedlungsschichten von bis zu 3,75 Metern Mächtigkeit zu Tage. Die guten Erhaltungsbedingungen für organisches Material sind bedingt durch einen Wasserspiegelanstieg in der inneren Schlei seit dem Ende der Wikingerzeit sowie der weitgehenden Absenz von tiefgründenden Neubaumaßnamen über Jahrhunderte hinweg. Unter den Konstruktionen auf dem auf fast 4000 m² freigelegten Areal fanden sich neben Überresten von Häusern, Bohlenwegen und Flechtwandeinzäunungen vor allem zahlreiche Dämme, die aus mit Reisig, Mist und Erde verfüllten Spundwänden aus Spaltbohlen bestanden und in Nord-Süd Richtung verliefen. Vom Ausgräber wurden diese Dämme als Kaimauern und Landebrücken interpretiert, die in kurzen zeitlichen Abständen schrittweise in die Schlei hineingebaut wurden und Schiffen ein schwimmendes Anlegen ermöglichen sollten. In der Zusammenschau resultierte daraus ein vages aber weitgehend unhinterfragt tradiertes Bild von einem Hafenviertel mit Giebelhäusern auf der Altstadtinsel sowie mehrheitlich bebauungsfreien Kaianlagen in der Schlei, beide getrennt durch einen uferparallelen Bohlenweg.

Im Rahmen des VW-Forschungsprojektes erfahren die Baubefunde der beiden Altgrabungen nun erstmals eine systematische und ganzheitliche Auswertung. Dazu werden die komplett auf Transparentfolien dokumentierten Flächen digitalisiert, in einem Geographischen Informationssystem (GIS) zusammengeführt und anschließend analysiert. Ebenfalls in die Auswertung fließen die bereits digital vorliegenden Holzbefunde der 2007 gegrabenen Fläche „Hafengang“, aus der auch der in diesem Projekt behandelte Fundkomplex stammt, mit ein. Auch wenn mit einer Fläche von 100 m² deutlich kleiner, wies sie dennoch Strukturen auf, die denen der Altgrabungen stark ähneln. Gemeinsam geben die drei Flächen am Südufer der Schleswiger Altstadtinsel auf einer Breite von mindestens 200 m Zeugnis von einer gleichartigen Bebauungsstruktur. Dabei ist hervorzuheben, dass der Mammutanteil der verwendeten Hölzer zwischen 1075 und 1100 gefällt und verbaut wurde. Wir haben es also im späten 11. Jahrhundert, innerhalb nur einer Generation, mit einem regelrechten Bauboom auf der Schleswiger Altstadtinsel zu tun.

Ausbauphasen der Hafenanlagen

Ende des 11. Jahrhunderts werden in kurzen Intervallen dammartige Konstruktionen in die Schlei hineingebaut (nach Vogel 1989, Abb. 14).

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